Bilder des Alters: Silver Ager, Golden Girls, Pflegefälle?

Bilder des Alters – wer prägt sie, wie beeinflussen sie die öffentliche Meinung? Erkenntnisse einer Tagung, die die Evangelische Akademie Anfang 2009 zusammen mit der Evangelischen Altenhilfe in Hofgeismar veranstaltete.

„Silver Ager – Golden girls – Pflegefälle?“ In diesen drei Begriffen spiegeln sich bereits Bilder des Alters. Denn Altersbilder sind gegenwärtig ausgesprochen ambivalent. Einerseits werden die Älteren als Last für die Gesellschaft dargestellt, andererseits erscheinen sie im öffentlichen Diskurs als eine Gruppe, die neue Lebensstile entwickelt und Vorbildcharakter zugestanden bekommt.

Last des Alters

Eine alte Dame

Klagen über die Last des Alters gehören seit jeher zum geläufigen Inventar der Vorstellungen vom Leben. „Wenn der Leib von den mächtigen Schlägen des Alters gebrochen ist und die schwindende Kraft der Gelenke verrostet, erlahmt der Verstand und gehen Zunge und Geist aus den Fugen.“ Sagte schon der römische Dichter Lukrez (97-55 v. Chr.). Es ist allerdings eine „Errungenschaft“ der modernen Welt, die Alterslast als ein Kostenproblem für die Gemeinschaft erfunden zu haben.

Dass es sich dabei zunächst wirklich um eine Konstruktion handelte, macht das folgende Zitat von Konrad Adenauer deutlich. In seiner großen Regierungserklärung von 1953 – damals machten die über 60jährigen neun Prozent der deutschen Bevölkerung aus – sprach der Bundeskanzler von der „wachsenden Überalterung des deutschen Volkes“ und drohte: „Wenn nicht durch konstante Zunahme der Geburten der Prozentsatz der im produktiven Leben stehenden Personen wächst, werden zunächst die Alten von der geringeren Sozialproduktion, die dann notwendigerweise eintreten wird, betroffen werden.“ Den Alten wurden die negativen Konsequenzen verheißen, niemand anderem.

Wert des Alters

Das in den 50er Jahren entwickelte Defizitmodell des Alters lebt bis heute in unserer Gesellschaft fort. Alte Menschen, so ist zu hören, sind gebrechlich, sind häufig krank, sind unselbstständig. Sie bedürfen der Pflege und umfassenden Hilfe. Durch die vielen problematischen Alten drohen sämtliche sozialen Sicherungssysteme aus den Angeln zu geraten. Die Renten erscheinen nicht mehr sicher, das Gesundheitssystem nicht mehr finanzierbar. Durch die schiere zahlenmäßige Zunahme scheinen alte Menschen per se entwertet. So scheint es noch immer zu stimmen, was Simone de Beauvoir vor 39 Jahren geschrieben hat. Sie betonte: „Durch die Art, wie sich eine Gesellschaft gegenüber ihren Altern verhält, enthüllt sie unmissverständlich die Wahrheit…über ihre Grundsätze und Ziele.“ In einer Gesellschaft, der Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen im Konkurrenzkampf, Flexibilität, Anpassungsvermögen sowie Aktivität und Autonomie als höchste Werte erscheinen, muss eine Lebensphase zum Problem werden, die sich diesem Wertekanon nicht ohne weiteres einzufügen vermag.

Nur eine Minderheit wird pflegebedürftig

Dem durch Belastung und Abwertung gekennzeichneten Bild vom Alter steht seit einigen Jahren allerdings ein scheinbar äußerst positives Bild gegenüber. In Zeitschriften finden sich Überschriften wie etwa diese: „Älter werden macht zufrieden, weise und kreativ.“ Oder: „Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, die zweite Lebenshälfte aktiv zu genießen.“ Die Gerontologin und ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr schreibt etwa: „85 bis 90 Prozent der über 80jährigen (sind) eben nicht pflegbedürftig“ und eigentliche Pflege benötigen nur sechs bis acht Prozent.

Vorstellungen vom gelingendem Leben

Statt von „Altenlast, Rentenlast, Pflegelast“ zu reden, sollte man das „Altenkapital“ und die „Alterskompetenz“ hervorheben und mehr von produktivem und erfolgreichem Altern sprechen. Und um erfolgreiches Altern herbeizuführen empfiehlt Frau Lehr einen ganzen Strauß von Maßnahmen: Alte Menschen sollen durch Aus- und Weiterbildung das nachholen, „was sie immer angestrebt hatten, aber durch das Eingespanntsein in den Berufsalltag nicht erreichen konnten.“ Bildungsreisen werden empfohlen, der Besuch einer Seniorenuniversität, Engagement im sozialen und kirchlichen Bereich kommt in Frage. Von „Senioren-Experten-Service“ und „Kompanien des guten Willens“ ist die Rede.

Wir sehen hier eine Tendenz, die sich in der Debatte um die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft auch sonst abzeichnet: Die negative Bewertung des Alters wird von den „jungen Alten“ auf das hohe Alter verschoben. So entsteht das Bild der fitten, neuen, jungen oder souveränen Alten, die sich aktiv gegen die problematischen Seiten des Alterns stellen. Sie haben, wie es scheint, die Konkurrenz im Berufsleben gegen den Wettbewerb um Rüstigkeit und späte Fitness eingetauscht.

Was ist Wirklichkeit?

An den dahinter stehenden gesellschaftlichen Werten ändert sich dabei nichts. Vielleicht verstärkt diese Verschiebungsanstrengung gar noch ein Menschenbild, in dem nachlassende Kräfte, körperliche Spuren des Altwerdens und ein Angewiesensein auf Fürsorge nicht mehr mit Vorstellungen von einem gelingenden Leben verbunden werden können.

Altersbilder sind nicht nur Bilder von der Wirklichkeit, sondern sind selbst Wirklichkeit oder anders gesagt: sie stellen selbst Wirklichkeit her. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmungen, prägen mit Nachdruck unser Handeln und senken ihre vielfältigen Keime ins Altwerden jedes einzelnen Menschen selbst.

Wer mit fünfzig Jahren glaubt, dass es zu spät sei, etwas Neues zu lernen, ist bereits einem typischen Altersbild aufgesessen, nämlich dem Vorurteil eines allgemeinen geistigen Verfalls.

Wer die Alten für wohlhabende Konsumvirtuosen hält, wird ebenso von falschen Bildern gegängelt wie jemand, der die Alten als Pflegfälle und ausgebrannte Wracks einschätzt.

Quelle:

Magazin der evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen 2/2009
Dr. Heike Radeck
Pfarrerin Studienleiterin an der Ev. Akademie in Hofgeismar
Fachgebiete: Literatur, bildende Kunst, Film, Spiritualität, Frauenforum und Psychotherapie

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